Liedtexte

Der Brillenladen

Vor einiger Zeit erregte ein Werbeplakat in einem Schaufenster meine Aufmerksamkeit. Das Fenster gehörte zu einem Brillenladen, und auf dem Plakat wurde eine ganz besondere angepriesen: In großen bunten Buchstaben stand dort: "Die Brille für den absoluten Scharfblick". So etwas wollte ich schon immer haben. Ich zögerte also nicht lange und betrat das Geschäft.

"Guten Tag. Womit kann ich dienen?" begrüßte mich ein freundlicher Verkäufer. "Ich hätte gerne den absoluten Scharfblick. In Ihrem Fenster steht, daß Sie eine entsprechende Brille dafür haben".
"Aber selbstverständlich. Das allerneueste Modell, gerade reingekommen. Warten Sie einen Augenblick." Er lächelte freundlich und ging ein paar Schritte zu einer Vitrine im hinteren Bereich des Raumes, in der eine Vielzahl der unterschiedlichsten Brillen ausgestellt waren. Er schob die Glasscheibe beiseite und schickte sich an, ein Exemplar herauszunehmen.

"Meine Dioptrinstärke ist..." fing ich an, doch er unterbrach mich zuvorkommend: "Das spielt gar keine Rolle. Bei dieser Sorte Brille kommt es nur auf die Kopfgröße an. Bei Ihnen wahrscheinlich Medium, würde ich sagen". Er reichte mir das Modell. Ich betrachtete es neugierig, zögerte aber, es aufzusetzen, wobei ich den Grund dafür selbst nicht genau wußte. Eine innere Stimme mahnte mich einfach zur Vorsicht.
Es war eine ganz gewöhnliche Brille mittlerer Größe, ich hatte keinen Zweifel, daß sie auf meinen Mediumkopf passen würde. "Und die verleiht einem Scharfblick?" fragte ich ungläubig. "Garantiert", antwortete der Mann. "Sie werden mit einem mal alles genau erkennen und durchschauen. Wenn Sie jemand anschwindelt, Sie werden es sofort sehen. Wenn eine Situation kompliziert wird, sie zeigt Ihnen den Ausweg. Wenn Sie jemandem in die Augen sehen, können sie sogar zu einem großen Teil seine Gedanken sehen. Es ist wirklich ein wunderbares Gerät, für den absoluten Scharfblick eben." "Und wenn das nicht klappt, bekomme ich mein Geld zurück?" versuchte ich mich abzusichern.

"Oh, dieses Modell können Sie natürlich nicht mit Geld bezahlen. Es ist ja schließlich nicht einfach eine Brille." Er lachte, als hätte er gerade einen wunderbaren Witz gemacht. "Der Preis ist in diesem Fall eher sozusagen, mehr so, naja, ganz was anderes." Er lachte wieder, wobei er mir etwas verlegen zu sein schien. Mir wurde allmählich etwas unwohl. "Ich höre?" drängte ich ihn. "Soll ich Ihnen meine Seele verkaufen oder sowas?" Diesmal lachte er aufrichtig. "Aber nein! So eine labbrige Währung nehmen wir nicht, die könne Sie schon behalten. Der Preis für den absoluten Scharfblick ist einzig und allein die Tatsache, daß Sie dann natürlich nicht nur Ihr Umfeld genauestens wahrnehmen können, sondern auch sich selbst. Wenn Sie in den Spiegel sehen, werden Sie immer gleich sehen, was tief in Ihnen vorgeht, wenn Sie etwas tun, werden Sie immer gleich wissen, was Sie im Grunde dazu antreibt; nicht nur die anderen, auch Sie selbst werden sich nichts mehr vormachen können. Naja, so ist das." Er sah mich erwartungsvoll an. Ich gab Ihm die Brille zurück, bedankte mich und ging. Das war mir einfach zu teuer.

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